Das Narrativ trifft auf die Realität
Kaum eine Branche wurde in den letzten Jahren so euphorisch beschrieben wie Legal Tech. Die Prognosen sind eindrücklich; künstliche Intelligenz gilt als der grosse Effizienzhebel für die Rechtsbranche, und der Tenor lautet: Jede Kanzlei braucht jetzt Legal Tech.
Die Realität ist differenzierter. Das Marktwachstum verlangsamt sich merklich, viele Anbieter kämpfen um Profitabilität und die Adoption in den Kanzleien bleibt hinter den Erwartungen zurück. Die Swiss Legal Tech Market Map von Bridge Legal Tech, die quartalsweise über 50 Schweizer Anbieter erfasst, zeigte Anfang 2026 ein klares Bild: Der Markt wächst weiter, aber langsamer. Neue Anbieter kommen hinzu, während andere konsolidieren oder den Markt verlassen.
Konsolidierung als Leitmotiv
Die deutlichsten Signale liefern die Marktbewegungen selbst. Im November 2025 verkaufte der Schweizer Anbieter CASUS sein Dokumentenautomationsprodukt an das deutsche Unternehmen LAWLIFT und richtet sich künftig ausschliesslich auf eine KI-basierte Plattform aus. Das Freiburger Startup Neur.on gliederte sein achtköpfiges Legal-NLP-Team an Noxtua aus, um Ressourcen für die nächste Wachstumsphase freizusetzen.
Solche Teilverkäufe, Käufersuchen und Neuausrichtungen häufen sich. Sie zeigen: Selbst etablierte Anbieter stossen Geschäftsbereiche ab, um sich auf KI-Kernprodukte zu konzentrieren. Der Markt bereinigt sich, was als Ausdruck eines reifer werdenden Ökosystems gewertet werden kann, nicht eines scheiternden.
Kapital folgt Qualität
Auch wo investiert wird, fliesst das Geld zunehmend selektiver als in den Vorjahren. Erfolgreiche Finanzierungsrunden konzentrieren sich auf wenige Gewinner mit klarem KI-Fokus, was besonders das Zürcher Startup DeepJudge zeigt. Das aus dem ETH-Umfeld stammende Unternehmen sammelte im November 2025 in einer Series A 41,2 Mio. USD bei einer Bewertung von rund 300 Mio. USD ein, angeführt von den beiden bekannten amerikanischen Venture-Capital-Investoren Felicis und Coatue.
Dies illustriert zwei Dinge: Schweizer Hochschulen funktionieren als Innovationspipeline und internationale Investoren erkennen das hiesige Legal-Tech-Ökosystem als relevant an. Gleichzeitig wird für klassische SaaS-Tools ohne KI-Komponente der Kapitalzugang spürbar schwerer. Dieses Muster entspricht einer breiteren «Flight to Quality»: Auch in der globalen Fintech-Finanzierung dominieren wenige Megarunden, für kleinere Anbieter kann die Finanzierung dadurch anspruchsvoller werden.
Der blinde Fleck: Niemand misst den Nutzen
Der vielleicht wichtigste Befund betrifft nicht die Anbieter, sondern die Kanzleien selbst. Ob sich die KI-Investitionen finanziell lohnen, lässt sich heute kaum beantworten, weil der Nutzen schlicht nicht oder nur unzureichend gemessen wird. Die Nutzung steigt rasant; inzwischen setzt rund die Hälfte der Anwältinnen und Anwälte generative KI regelmässig ein. Doch eine deutliche Mehrheit sieht bislang keine messbaren Kosteneinsparungen und nur eine kleine Minderheit erhebt den Return on Investment (ROI) ihrer KI-Investitionen überhaupt systematisch.
Damit fehlt die betriebswirtschaftliche Grundlage für jede weitere Entscheidung. Kanzleien kaufen Lizenzen und beobachten, dass «irgendetwas schneller geht», können den Effekt aber nicht in eingesparten Stunden, in Marge oder in zusätzlicher Mandatskapazität ausdrücken. Gerade im Stundensatzgeschäft ist das heikel: Eine Effizienzsteigerung, die nicht erfasst wird, verpufft unbemerkt oder kannibalisiert sogar abrechenbare Stunden, ohne dass ein kompensierender Mehrwert sichtbar wird. Ohne Messung kein Nachweis, und ohne Nachweis fehlt das Argument, um das Budget für eine breitere Einführung zu rechtfertigen. Der Investitionsentscheid bleibt ein Akt des Glaubens, statt eine Frage der Zahlen. Die Ursachen liegen weniger in der Technologie als in der Organisation. Tools werden eher parallel als integriert genutzt; Medienbrüche zwischen KI-Output und Kanzleisoftware vernichten Zeitgewinne, bevor sie entstehen. Und weil zu Beginn keine Ausgangswerte definiert werden, gibt es später nichts, woran sich ein Fortschritt messen liesse. Gerade in der Schweiz bremsen zudem regulatorische Unsicherheiten und Mandantenvorbehalte den Einsatz cloudbasierter Lösungen.
Hinzu kommt eine zweite Dimension von Wert, die sich nicht in Stunden, sondern in Reputation bemisst: Der Einsatz von Legal Tech wird zunehmend selbst zum Qualitätsmerkmal nach aussen. Gerade bei grösseren Wirtschaftskanzleien fragen Klientinnen und Klienten heute gezielt, ob eine Kanzlei mit Tools wie Harvey oder Legora arbeitet. Den Einsatz von Legal Tech ausweisen zu können, wird damit von manchen Mandanten schlicht erwartet und ist als Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb ein eigenständiger Wert, selbst wenn sich der unmittelbare Effizienzgewinn (noch) nicht beziffern lässt.
Von Punktlösungen zu Plattformen
Strukturell zeichnet sich ein klarer Trend ab: weg von isolierten Punktlösungen für einzelne Aufgaben hin zu integrierten Plattformen, in denen KI als verbindende Schicht Routing und Orchestrierung übernimmt. Anbieter, die nicht in bestehende Workflows integrieren, werden marginalisiert. Grosse Anbieter kaufen Nischen-Tools auf, was die Konsolidierung zusätzlich beschleunigt.
Was das für die Praxis bedeutet
Für Kanzleien und Rechtsabteilungen lassen sich daraus vier Empfehlungen ableiten, welche alle um dieselbe Frage kreisen: Lohnt sich die Investition?
Erstens: den ROI von Anfang an messen. Wer vor der Einführung Ausgangswerte definiert, beispielsweise Bearbeitungs- und Durchlaufzeiten oder Fehlerquoten, und diese danach trackt, kann den finanziellen Nutzen überhaupt erst belegen. Zweitens: Strategie vor Tool-Kauf. Zu Beginn sollten immer die bestehenden Prozesse analysiert werden; erst in einem zweiten Schritt sollte dann die Wahl der passenden Technologie erfolgen. Drittens: Integration priorisieren. Plattformen statt Punktlösungen, sonst zehren Medienbrüche die erhofften Zeitgewinne wieder auf. Und viertens: in Change-Management investieren, mit mindestens ebenso viel Budget für Schulung wie für Lizenzen, denn ungenutzte Lizenzen bringen keinen Return.
Die gute Nachricht ist, dass der Schweizer Legal-Tech-Markt reift. Wir gehen von der Experimentierphase in die Phase der nachhaltigen Wertschöpfung über. Doch Wertschöpfung setzt voraus, dass man sie beziffern kann. Solange Kanzleien ihre Effizienzgewinne nicht messen, bleibt der finanzielle Nutzen von Legal Tech eine Behauptung. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr, ob KI die Rechtsbranche verändert, sondern wer es schafft, ihren Nutzen in belastbaren Zahlen auszuweisen und so aus einem Investitionsrisiko einen Wettbewerbsvorteil zu machen.
